Vertiefung
Herkunft und Bedeutung von „Gestalt“
Eine Vertiefung für alle, die mehr über die Herkunft und Bedeutung des Begriffs erfahren möchten.
Was bedeutet „Gestalt“?
Der Begriff „Gestalt“ stammt aus der Gestaltpsychologie, einer Wahrnehmungspsychologie, die Anfang des 20. Jahrhunderts unter anderem von Max Wertheimer, Wolfgang Köhler und Kurt Koffka entwickelt wurde. Ihr Grundgedanke lässt sich in einem Satz zusammenfassen: „Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile.“
Die Gestaltpsychologie geht davon aus, dass Menschen Sinneseindrücke nicht als einzelne, isolierte Reize wahrnehmen, sondern sie automatisch zu sinnvollen, geschlossenen Ganzheiten organisieren, zu sogenannten „Gestalten“. „Gestalt“ meint hier also nicht einfach „Form“ im äußeren Sinne, sondern eine dynamische, ganzheitliche Einheit des Erlebens.
Von der Wahrnehmungspsychologie zur Therapie
Fritz Perls, Laura Perls und Paul Goodman übertrugen dieses Prinzip in den 1940er- und 1950er-Jahren auf das gesamte menschliche Erleben und begründeten damit die Gestalttherapie. Ihr grundlegendes Werk „Gestalt Therapy: Excitement and Growth in the Human Personality“ (1951) gilt bis heute als Gründungsschrift der Methode.
Die zentrale Übertragung: So wie Wahrnehmung nach ganzheitlicher Ordnung strebt, streben auch Erfahrungen, Bedürfnisse und Emotionen danach, zu vollständigen „Gestalten“ zu werden, also zu abgeschlossenen, sinnhaften Einheiten. Ungelöste Konflikte, unterdrückte Gefühle oder unerledigte Angelegenheiten gelten in diesem Modell als „offene“ oder „unvollendete Gestalten“, die so lange nach Abschluss drängen, bis sie bewusst wahrgenommen und bearbeitet werden. Genau hier, im Hier und Jetzt, setzt die therapeutische Arbeit an, mit dem Ziel, diese offenen Prozesse zu einem Abschluss zu bringen.
„Gestalt Therapy“ auch im englischsprachigen Raum
Bemerkenswert ist, dass der deutsche Begriff im Englischen unverändert übernommen wurde: Man spricht auch dort von „Gestalt Therapy“, nicht von einer Übersetzung wie „form therapy“ oder „shape therapy“. Englische Annäherungen wie „form“ oder „pattern“ treffen den Bedeutungsgehalt nur unzureichend, da ihnen der dynamische, prozesshafte Charakter des deutschen Begriffs fehlt. Perls, Perls und Goodman entschieden sich daher bewusst, den Fachbegriff aus der deutschen Gestaltpsychologie beizubehalten, ähnlich wie auch „Gestalt psychology“ im Englischen nicht übersetzt wird.
Das innere Kind in der Gestalttherapie
Hinter den Schutzwällen, die wir als Erwachsene um uns errichten, lebt noch immer das Kind, das geliebt und angenommen werden möchte. Diesem inneren Kind gilt in der therapeutischen Arbeit unsere ganze Aufmerksamkeit und Zuwendung.
Das Konzept des „inneren Kindes“ ist kein originärer Bestandteil der klassischen Gestalttherapie nach Perls, sondern eher der Transaktionsanalyse und späteren traumatherapeutischen Ansätzen entlehnt. Es beschreibt einen inneren Anteil, der frühkindliche Erfahrungen, Gefühle und Prägungen in sich trägt und im Erwachsenenleben unbewusst weiterwirkt.
In der gestalttherapeutischen Praxis lässt sich dieses Konzept jedoch gut integrieren:
- Unvollendete Gestalten: Unverarbeitete kindliche Erfahrungen können als offene Gestalten verstanden werden, die sich im Erwachsenenalter etwa in Beziehungsmustern zeigen.
- Dialogische Arbeit: Techniken wie der leere Stuhl eignen sich besonders gut, um dem inneren Kind eine Stimme zu geben und in einen inneren Dialog zu treten.
- Ganzheitliches Erleben: Da die Gestalttherapie den Menschen als Ganzes betrachtet, wird auch der kindliche Erfahrungsanteil als integraler Bestandteil der Persönlichkeit einbezogen.
- Gegenwartsbezug: Auch wenn die Wurzeln in der Vergangenheit liegen, wird die Arbeit mit dem inneren Kind so gestaltet, dass die damit verbundenen Gefühle im gegenwärtigen Moment spürbar und bearbeitbar werden.